Am Meer

Stell dir in Gedanken eine breite Treppe vor, die vor dir beginnt und immer tiefer führt, durch eine schöne Landschaft … Geh langsam die Treppe hinab, Stufe um Stufe … Mit jeder Stufe kann die Ruhe in dir größer werden, Stufe um Stufe … Dein Atem geht, Stufe um Stufe hinab … Du spürst vielleicht, wie dein Atem schon ruhiger und ruhiger wird … Du spürst vielleicht schon die Ruhe in dir … Die Stufen enden an einem weiten Meeresstrand …

 

Kunigunde steht im Sand am Ufer des Meeres. Du trittst zu ihr und ihr beobachtet die Wellen, wie sie heranspülen aus der Weite, wie sie ein Stück den Strand hochlaufen – und wieder zurückspülen ins Meer.

„Das Meer lieb ich besonders“, sagt Kunigunde und lächelt dich an. „Es ruht ganz in sich selbst.“

„Aber die Wellen wollen an Land“, sagst du.

„Das Meer will spielen“, behauptet Kunigunde.

Weit draußen ziehen dunkle Körper durch das Wasser. „Wale“, sagt Kunigunde.

Du beobachtest die ruhige Kraft, mit der sich die Wale bewegen. „Wo ziehen sie hin?“, fragst du.

„Wo zieht der Wind hin?“, fragt Kunigunde zurück. „Sie ziehen, wohin sie wollen.“

Manchmal scheinen zwei Wale sich zu berühren … Du schaust Kunigunde an. Sie lächelt und berührt leicht deinen Arm …

Ihr geht ein Stück am Meeressaum … Im Sand liegen Muschelschalen … Und hier und da schwarze Steine von einem Vulkan, den es hier irgendwann gab … Und ab und zu Tang, manchmal noch grün, manchmal schon braun geworden …

Alles ist so lange her … Jedes Sandkorn stammt aus einer viel älteren Zeit … Der Himmel war immer schon da … Und auch die Möwen sind hier sicher schon vor vielen Jahren geflogen …

Und alles ist gerade jetzt … Gerade jetzt dieser Möwenschrei … Gerade jetzt die Weite des Himmels … Gerade jetzt dein Atemzug … Gerade jetzt der ruhige Schlag deines Herzens …

Da liegt Treibgut am Strand. Ein Holzbalken, morsch, wahrscheinlich hat er lange im Wasser gelegen … Eine leere Flasche … ein Stück eines Fischernetzes … Sogar eine Puppe siehst du, der ein Arm fehlt …

Immer ist da das Meer, die leichte Bewegung des Meeres … Immer sind da die Wellen, die kommen und gehen …

Auf dem breiten Sandstrand vor euch haben sich Robben niedergelassen, eine ganze Gruppe, sieben, elf, fünfzehn Tiere zählst du. Sie liegen im warmen Sand und lassen sich von der Abendsonne bescheinen …

Ihr tretet zu einer jungen Robbe. Kunigunde spricht leise zu ihr. Du meinst, die Robbe antworten zu hören, aber du verstehst nicht, was gesprochen wird.

Es ist wie das Rauschen der Wellen …

Es ist wie das leise Ziehen des Windes …

Es ist wie die Schreie der Vögel am Himmel …

Das freundliche Gesicht der jungen Robbe … Ihre großen Augen …

Am Horizont scheint die untergehende Sonne das Meer zu berühren … Die Sonne versinkt langsam, ein großer, roter Ball … Der Himmel scheint dort fast noch heller zu werden … Du schaust einfach nur zu …

Kunigunde hat sich in den Sand gesetzt. Ihr beobachtet zusammen die untergehende Sonne …

Ist dort nicht weit draußen ein Schiff? …

Eine große Ruhe und Kraft liegt über dem Meer und dem Strand … Es ist eine Ruhe und Kraft, die du auch in dir spüren kannst …

Kunigunde singt leise ein Lied ohne Worte … Einfach nur so … Töne, die sich mit dem Klang der Wellen vermischen … Töne, die sich im Himmel verlieren … Einfach nur ein paar Töne für sich … Kein Ton weiß, wie der nächste geht …

Vor dir im Sand liegt eine Traummurmel … Du hebst sie auf und drehst sie zwischen den Fingern …

Als du die Augen schließt, bist du zu Hause.

Dein weiches Bett … Wie gut es sich liegt! … Wie wohl du dich in ihm fühlen kannst! …

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir … Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer … Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein … Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm … Die Ruhe trägt dich in die Nacht, hinein in den Schlaf, in freundliche Träume …

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Diese Gutenachtgeschichte stammt aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Gutenachtgeschichten vom Wolkenschloss. Entspannungsgeschichten für Kinder. Edition Blaue Felder, Tübingen. Mit Illustrationen. Erhältlich im Buchhandel und bei den Versanden.


Ein Präsenz-Kurs, in dem wir Menschen, die mit Kindern arbeiten oder arbeiten möchten  Entspannungspädagogik vermitteln: Entspannungspädagogik für Kinder.

Ein Online-Kurs für Eltern mit einer Traumstunde für Kinder, die auf Fantasiereisen aufbaut: Entspannung für Kinder.

 


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