Das liebliche Tal

„Prinzessin Sirisili! Prinzessin Sirisili!“ Die Rufe des königlichen Kochs hallen durch das Schloss.

„Sie wird wieder draußen sein, da vergisst sie die Zeit“, meint der König und seufzt. „Wir fangen ohne sie an.“ Die Suppe wird aufgetragen und das Essen beginnt.

„Meist ist sie im lieblichen Tal hinter der Brücke“, sagt die Königin und wischt sich den Mund mit einem Seidentuch.

„Da geht gar kein Weg“, sagt der König.

„Dort ist sie aber am liebsten. Am kleinen See bei den Birken. – Weißt du noch?“ Die Königin blickt den König an. „Früher sind wir dort auch oft gegangen. Lang ist es her!“

„Die Geschäfte, die Geschäfte“, murmelt der König.

Eine Weile löffeln sie schweigend, dann meint er: „Sirisili hat bald Geburtstag. Wir könnten in das liebliche Tal einen Weg anlegen. Am See feiern wir dann ihr Fest. So kommen wir auch wieder mal hin.“

Die Königin wiegt den Kopf, aber sie schweigt.

„Was meinst du?“, hakt der König nach.

„Wir sollten sie fragen“, antwortet die Königin.

 

Als Prinzessin Sirisili am späten Nachmittag in das Schloss kommt, hat der König schon einige Vorbereitungen getroffen. Der Gärtner hat ein Modell gemacht: Das liebliche Tal hat er aus Erde und Moos gelegt, ein leeres Teelicht ist der See. Der Weg ist mit Sand gestreut, er kommt von der Brücke und schlängelt sich durch das Tal.

„Wunderbar!“, sagt der König und strahlt.

„Was ist das?“, fragt Sirisili.

„Liebes Kind“, wendet sich der König an sie: „Zu deinem Geburtstag wollen wir in deinem Tal ein großes Fest feiern. Und wir legen für dich einen Weg dorthin an, damit man das Tal leichter begehen kann. Siehst du“, der König deutet auf das Modell.

„Freust du dich nicht?“, fragt die Königin, als sie das Gesicht ihrer Tochter sieht.

Die schüttelt den Kopf, eine Träne im Auge.

„Warum denn nicht?“, fragt der König.

„Wenn ihr das macht“, sagt die Prinzessin und deutet auf das Modell, „dann ist zwar der Weg da – aber mein liebliches Tal, das ist dann verschwunden.“

Der König und die Königin sehen sich an.

Der Gärtner räumt das Modell ab. Er lächelt.

 

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Die Geschichte stammt aus dem eBuch: Volker Friebel (2016): Das singende Kamel. Geschichten für Kinder über das, was wichtig ist. Edition Blaue Felder, Tübingen. Ein Klick auf das Titelbild führt zur Seite des Buchs bei Amazon, mit Blick ins Buch und Bestellmöglichkeit.

 

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