Der Bagger und ich

Eines Morgens begann das kleine Haus mit dem großen Garten zu zittern. Paul erwachte mitten hinein in einen ohrenbetäubenden Krach. Er begann zu weinen. Die Mutter kam ins Zimmer hinein und nahm ihn in den Arm.

„Keine Angst, Paul“, versuchte sie, ihn zu beruhigen. „Die Straße vor dem Haus wird aufgerissen.“

Paul schluchzte noch stärker und vergrub sein Gesicht am Bauch der Mutter.

„Neue Rohre werden verlegt, nichts weiter.“ Die Mutter strich beruhigend durch Pauls Haar. „In ein paar Tagen ist alles vorbei.“

Paul beruhigte sich langsam. Der Krach aber beruhigte sich nicht.

 

Nach dem Mittag gingen sie hinaus, durch den Garten, an den Beeten vorbei und der Wiese, wo am Ast des Apfelbaumes die Schaukel hing, wo das Feuerwehrauto vor dem Löwenzahn stand und auf Paul wartete, seit Tagen schon.

Sie gingen aber weiter, durchs Gartentor. Paul hielt die Hand seiner Mutter immer fester.

Rot-weiße Absperrungen verengten die Straße, nur eine Fahrspur war frei. In der anderen stand der Bagger.

Gelb war er, ein Riese, mit einer Schaufel, in der mehrere Feuerwehrautos nebeneinander Platz gehabt hätten. Gerade tuckerte der Motor nur.

Zwei Männer standen vor dem Bagger. Sie redeten laut miteinander, der eine zeigte in den Graben, der schon ausgehoben war, der andere nickte vor allem und kratzte sich manchmal.

Dann ging er zum Bagger, stieg hinein – und ließ den Motor aufdröhnen. Paul umklammerte die Mutter. Die Schaufel des Baggers hob sich …

„Was ist denn los, Paul?“, fragte die Mutter, als sie wieder hinter dem Tor im Garten standen, weg vom Riesen, in Sicherheit.

Ein Lastwagen fuhr heran. Der Bagger donnerte noch stärker und lud eine Schaufel voll Erde auf.

 

Am Abend war es ruhig, aber Paul war gedrückt. „Wie lang ist der Bagger noch da“, fragte er die Mutter.

„Ich weiß nicht“, antwortete sie.

„Wie lang noch?“, bettelte Paul.

„Ein paar Tage noch.“

„Wie lang sind ein paar Tage?“

„Nicht lang.“

 

Am nächsten Morgen war Paul viel früher als sonst wach. Er hörte der Amsel zu, die auf dem Apfelbaum sang.

Paul hatte schlecht geschlafen. Noch jetzt ging ihm sein Traum durch den stillen Morgen: Ein riesiger Bagger, der vor dem Haus auf und ab fuhr, die noch riesigere Schaufel drohend erhoben. Sie sah wie das Gebiss eines Dinosauriers aus.

Das Lied der Amsel war schön!

Von der Straße waren plötzlich die Stimmen von Männern zu hören. Eine Tür schlug zu. Mitten in das wundervolle Lied der Amsel startete der Motor des Baggers. Dann heulte er auf.

„Mama!“, rief Paul.

Gleich kam sie zur Tür herein.

„Was ist?“, fragte sie und setzte sich auf sein Bett.

„Der Bagger …“, begann Paul.

„Noch drei Tage, voraussichtlich“, sagte die Mutter. „Ich hab bei der Stadtverwaltung angerufen.“

 

Die nächste Nacht schlief Paul gut. Am Morgen nach dem Frühstück lief er am Feuerwehrauto und der Schaukel vorbei durch das Tor auf die Straße. Die Mutter kam nach.

Die Mutter schloss das Gartentor und trat hinter Paul. Er hatte seinen Hände auf die rot-weiße Absperrung gelegt und staunte den Bagger an. Gerade hob er eine Schaufel voll Erde aus dem Graben. Der Lastwagen fuhr heran, und der Bagger füllte die Ladefläche, mit Schaufel um Schaufel.

Paul drehte sich zur Mutter um. „Der Bagger und ich graben die ganze Straße auf“, sagte er eifrig. „Und dann die Hauptstraße!“

Die Mutter fuhr ihm durch die Haare und lächelte. Da heulte der Motor des Baggers besonders stark auf. Paul fuhr zusammen. „Der Bagger und ich …“, sagte er dann.

Sie standen noch eine ganze Weile und sahen dem Bagger und dem Lastwagen zu.

Am Abend sagte Paul zur Mutter: „Ich wünsch mir einen Bagger zum Geburtstag.“

„Das ist doch erst in einem Vierteljahr“, entgegnete sie.

„Gelb muss er sein und riesig“, fuhr Paul fort und sah sie an. „Der parkt dann neben dem Feuerwehrauto im Gras.“

In dieser Nacht schlief Paul wieder sehr gut. Er träumte von einem gelben Bagger. Und von sich selbst. Er saß im Führerhaus und zog am Hebel, der die Erde aus seinem Graben hob.

Als die Amsel im Garten sang, schlief er noch immer. Und er lächelte. „Der Bagger und ich …“, sagte er leise im Schlaf.

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