Der blaue Ball

Stell dir vor, du steigst auf der Wolkentreppe langsam zum Wolkenschloss hinauf, Stufe um Stufe. Stell dir vor, wie du mit jeder Stufe ruhiger und freudiger wirst. Schließlich trittst du von der letzten Wolke in den Hof des Schlosses.

Der kleine König Ferdinand erwartet dich ungeduldig, Mieze an seiner Seite.

Mieze hält den Kopf schief und kneift ein Auge zu. ,Was sie nur hat?‘, fragst du dich. ,Ob sie mich warnen will? Aber wovor?‘

„Meiner Nichte Esmeralda“, beginnt Ferdinand, „ist beim Spielen ihr blauer Ball die Wolkentreppe hinunter gepurzelt. Nun sitzt sie nur noch da und weint!“

„Das tut mir leid“, sagst du. „Ich könnte nach dem blauen Ball suchen.“

„Das wäre wunderbar“, sagt der kleine König erleichtert. „Wir haben kaum noch Taschentücher, um die Tränen der Prinzessin zu trocknen.“

Du steigst mit Mieze die Wolkentreppe hinab. Sie schaut dich von der Seite an und schüttelt den Kopf.

Ihr sucht in den Wiesen, ihr sucht in den Wäldern, ihr sucht in allen Siedlungen, auf die ihr trefft. Ihr fragt Frauen, Männer, Kinder, Schmetterlinge … Sogar einen Berg fragt ihr, auf der Welt der Gebirge. Aber er antwortet nicht. Niemand kann euch Nachricht geben, wo der blaue Ball der Prinzessin geblieben ist.

„Mir tun die Pfoten weh“, klagt Mieze.

„Und mir die Füße“, klagst du.

Ein kleines Städtchen, ihr geht durch die Straßen. Hungrig und durstig seid ihr geworden – und mutlos. Die Sonne scheint freundlich, aber ihr seht sie nicht. Nun sucht ihr nur noch nach einem Platz, um zu rasten.

Vor einem Spielzeugladen bleibt ihr stehen. Ihr betrachtet die Auslagen der Schaufenster – und schaut euch an. Jeder hat dieselbe Idee.

„Leider, leider“, sagt kurz darauf der Verkäufer im Laden, „einen blauen Ball haben wir nicht. Aber fünf rote.“

„Ob wir einen roten Ball kaufen und blau anmalen sollen?“, flüsterst du Mieze zu.

„Der Regen wäscht die Farbe ab“, flüstert Mieze zurück.

Du nickst und blickst den Verkäufer fest an. „Dann eben einen roten Ball.“

„Und eine Packung Taschentücher“, setzt Mieze dazu.

Die Wolkenstufen geht es Schritt um Schritt höher, zum Wolkenschloss. Mit jeder Stufe merkst du, wie du ruhiger wirst.

König Ferdinand ist mit seiner Nichte im Rosengarten. Er liest ihr gerade aus einem Buch über die Wolkenberge vor. Als die beiden euch sehen, erheben sie sich.

„Oh, was für ein schöner roter Ball!“, jubelt Esmeralda. Du gibst ihr den Ball verlegen. „Er ist eben rot geworden bei der langen Suche“, stotterst du und wirst selbst ein bisschen rot dabei. Aber Esmeralda ist schon mit dem Ball in den Hof verschwunden.

„Ich glaube“, sagt der kleine König, „sie hat den blauen Ball schon lange vergessen.“

Du gibst ihm die Packung Taschentücher, die ihr für Esmeralda mitgebracht habt. Er nimmt eines heraus und schnäuzt sich. „Danke!“, sagt er.

Du schaust Mieze an. Mieze schaut dich an. Dann verabschiedet ihr euch vom kleinen König. Ihr legt euch auf das große blaue Sofa und schließt die Augen.

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir. – Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer. – Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm. – Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein. – Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm. – So liegst du ein Weilchen und ruhst dich aus. Du ruhst dich aus und spürst die neue Kraft tief in dir wachsen.

 

Damit kommt die Geschichte langsam zum Ende. Wenn du bereit bist, reckst und streckst du dich und öffnest die Augen.

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Das war aus: Volker Friebel (2019): Entspannungsgeschichten vom Wolkenschloss. Edition Blaue Felder, Tübingen. Mit Illustrationen. PapierBuch und eBuch.

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