Der Wasserfall

Stell dir in Gedanken eine breite Treppe vor, die vor dir beginnt und immer tiefer führt, durch eine schöne Landschaft … Geh langsam die Treppe hinab, Stufe um Stufe … Mit jeder Stufe kann die Ruhe in dir größer werden, Stufe um Stufe … Dein Atem geht, Stufe um Stufe hinab … Du spürst vielleicht, wie dein Atem schon ruhiger und ruhiger wird … Du spürst vielleicht schon die Ruhe in dir … Die Stufen enden an einer Hütte im Gebirge …

 

Kunigunde betrachtet die Gegenstände auf einem Fensterbrett der Berghütte. Du trittst zu ihr.

„Das ist eine Versteinerung“, sagt sie und deutet auf einen Stein. Du siehst etwas, das einmal ein Schneckenhaus gewesen ist, vor vielen, vielen Jahren.

Kunigunde dreht sich um, zur Wiese vor der Hütte, und schließt ihre Augen.

Die Wiese ist übersät mit Blumen … Als du gleichfalls die Augen schließt, hörst du die Geräusche der Wiese …

Was dort brummt, wird eine Hummel sein … Einige Fliegen schwirren … Ein Kuckuck ruft vom Wald her …

Einfach nur lauschen, mit geschlossenen Augen, das ist schön … Ein Laut liegt über allem. Kann das der Himmel sein? Oder das Tanzen der Luft?

Du spürst eine Berührung an deinem Arm und öffnest die Augen wieder. Kunigunde lächelt dich an. „Ich will den Bergsee besuchen. Kommst du mit?“, fragt sie.

Nebeneinander geht ihr den Pfad. Zu reden gibt es nicht viel. Aber zu spüren.

Vielleicht spürst du eben deshalb umso mehr, weil ihr nichts redet.

Da ist ein Gefühl von Weite, von Freiheit … Da ist ein Gefühl von Sicherheit … Und das gute Gefühl, mit Kunigunde zu gehen, einfach zu gehen und nichts reden zu müssen …

Weshalb redest du sonst? Aus vielen Gründen. Manchmal einfach aus Verlegenheit, weil es sonst still wäre. Dabei ist es gerade dann, wenn man miteinander still sein kann, besonders schön …

Den Weg spüren, seine Erde, seine Steine, das weiche Gras … Der Weg geht hinein in einen Wald … Ein Specht klopft … Vögel singen … Zwei Vogelstimmen klingen wie Frage und Antwort … Die Zweige der Nadelbäume bewegen sich leicht im Wind, fast lautlos …

Ein Eichhörnchen jagt über den Weg, springt einen Baumstamm hinauf … An den Stamm geklammert, schaut es auf euch herab …

Der Bergsee ist nicht groß. Euer Pfad führt am Ufer entlang. Ihr geht nahe am Wasser …

Die Fläche des Bergsees ist glatt … Nur ab und zu gibt es ein kleines Geräusch, und irgendwo draußen breiten kleine Wellen sich aus. Ob das von Luftblasen kommt, die vom Grund aufsteigen und sich in den Himmel auflösen? … Oder von Fischen, die den Himmel anstupsen …

Ihr geht auf Steinen über einen kleinen Bach, der in den See mündet … Auf der anderen Seite führt ein Pfad den Bach entlang, dem folgt ihr … Am Wasserfall bleibt ihr stehen …

Das Wasser stürzt eine Felswand hinunter, klatscht hier und da auf vorspringende Steine … Das Donnern am Grund, wo es auftrifft! … Weißer Schaum – und aufstehender Dunst … Ein Regenbogen …

„Das ist einer meiner liebsten Orte“, sagt Kunigunde leise. „Hier bin ich gern, einfach so, nicht um etwas zu tun, einfach nur, um mit dem Wasser zu sein.“

„Und mit dem Regenbogen“, sagst du.

„Und mit dem Regenbogen“, wiederholt Kunigunde und lächelt.

„Kennst du das auch, dass du manchmal gar nichts tun möchtest, sondern einfach nur sehen und lauschen und riechen und schmecken?“, fragt sie.

„Aber etwas tun ist auch schön!“, sagst du.

„Ja“, sagt Kunigunde, „auch etwas tun. Und dann einfach nur lauschen.“

Ihr steht und lauscht dem Wasserfall.

Etwas Kleines, Rundes stürzt mit seinem Wasser abwärts, schwemmt ans Ufer. Kunigunde hebt es auf und gibt es dir. Es ist eine Traummurmel.

Du schließt die Augen und bist zu Hause.

Dein weiches Bett … Wie gut es sich liegt! … Wie wohl du dich in ihm fühlen kannst! …

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir … Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer … Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein … Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm … Die Ruhe trägt dich in die Nacht, hinein in den Schlaf, in freundliche Träume …

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Diese Gutenachtgeschichte stammt aus dem Buch Gutenachtgeschichten vom Wolkenschloss. 

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