Die Versammlung der Jungdrachen

Einmal im Monat ist die große Versammlung der Jungdrachen auf dem Wackerfeld unter dem alten Vulkan. Da berichten alle, was sie vollbracht haben. Und der Mutigste bekommt als Preis einen besonders leckeren Kieselstein. Denn Kieselsteine, das mögen die jungen Drachen sehr.

„Ich bin über den Vulkan geflogen“, sagt Fünkchen stolz und richtet sich in seiner ganzen Größe auf. „Gerade als er Rauch ausgestoßen hat.“

„Das war mutig!“ Die anderen Jungdrachen klatschen.

„Und ganz schön leichtsinnig“, grummelt der Schiedsrichter, der alte Wackerstein, und kratzt sich an den Schädelschuppen seines Panzers. „Die Dämpfe sind giftig. Du hättest bewusstlos werden und in den Vulkan fallen können.“

„Na und?“, Fünkchen plustert sich auf.

„Und wer holt dich dann raus? Doch nur wieder deine Mama, die schon genug verbrannte Drachenschuppen daheim herumliegen hat.“ Wackerstein senkt den Daumen. „Der Nächste bitte!“

„Ich bin einem Wal so dicht um die Nase herumgeflogen, dass er niesen musste, sich deshalb verschluckt hat und abgehauen ist“, Flatterich blinzelt die anderen an.

„Das war mutig“, klatschen die Jungdrachen.

„Das war unverschämt und rücksichtslos“, grummelt Wackerstein und senkt gleich den Daumen. „Der Wal ist ein guter Freund von mir, damit du es nur weißt. Er hat sich über dich beschwert. Und weil du so gut Feuerspeien kannst, weiß ich auch eine Strafe für dich. Du entschuldigst dich bei ihm und wärmst ihm eine halbe Stunde lang die Schwanzflosse, die er sich beim Tauchen verkühlt hat.“

Mit gesenktem Blick tritt Flatterich zurück.

Sprührich tritt vor. „Ich bin ins Haus eines Menschen geflogen und habe mich im Spiegel betrachtet“, seine Stimme überschlägt sich fast.

„Das war mutig!“ Die Jungdrachen klatschen wieder.

„Ja“, sagt Wackerstein und zeigt mit dem Daumen nach oben. „Sich im Spiegel zu betrachten, dazu gehört schon etwas, für einen Drachen. Aber es war nur mutig, genützt hat es keinem, nicht einmal dir. Oder bist du etwa klüger gewesen danach?“

Sprührich schüttelt den Kopf und tritt zurück.

Der Nächste ist Mümmelchen. „Ich lag ganz friedlich auf einer Felsplatte und döste ein wenig vor mich hin, als mich plötzlich jemand nach dem Weg ins Grasel-Tal fragte. Erst machte ich ein Auge auf, dann noch das andere – und dann sprang ich auf den nächsten Baum und zitterte, dass die Äste wackelten. Aber die Stimme klang so traurig, da bin ich wieder heruntergestiegen und habe dem Hasen den Weg erklärt.“

„Dem Hasen!“ Die Jungdrachen weichen erschrocken einen Schritt zurück. „Er hat mit einem Hasen gesprochen!“

„Das war mutig“, sagt Wackerstein und deutet mit dem Daumen nach oben. „Ein Hase! Vor nichts hat ein richtiger Drache mehr Angst, als vor diesem ungeheuerlichen Tier. Aber du hast die Angst überwunden und ihm den Weg gezeigt. Da mag er nun grasen. Das war mutig und hat ihm genützt – und auch dir. Und uns allen! Nun ist er weit fort von uns.“

Mümmelchen hat sich schon den Kiesel geschnappt und ein Stück abgebissen. „Hm, lecker“, schmatzt er.

„Gibst du uns auch etwas ab?“, fragt Flatterich. Mümmelchen nickt, und sie verspeisen zusammen den Preis.

 


Die Geschichte stammt aus dem eBuch: Volker Friebel (2016): Das singende Kamel. Geschichten für Kinder über das, was wichtig ist. Edition Blaue Felder, Tübingen. Ein Klick auf das Titelbilf führt zur Seite des Buchs bei Amazon, mit Blick ins Buch und Bestellmöglichkeit.