Die Vogelscheuche

Stell dir eine breite Treppe vor, die immer tiefer führt, durch eine schöne Landschaft  … Geh langsam die Treppe hinab, Stufe um Stufe … Mit jeder Stufe kann die Ruhe in dir größer werden … Du spürst vielleicht schon, wie dein Atem ruhiger wird … Du spürst vielleicht schon die Ruhe in dir wachsen … Die Stufen enden auf einem Feldweg …

 

Der Feldweg kommt aus einer Siedlung und führt in die Felder hinein … Nun am Abend fährt der letzte Traktor zurück. Hinter ihm hebt sich eine Wolke aus Staub … Bald ist der Traktor zwischen den Häusern der Siedlung verschwunden … Langsam treibt der Staub davon und löst sich im Himmel auf …

„Wie gut, dass es Abend ist“, denkt die Vogelscheuche und bewegt sich ein bisschen im leichten Wind. „So hat die Unruhe ein Ende!“

Da fliegt ein Spatz heran und setzt sich gerade auf ihren löchrigen Strohhut.

„Schon wieder!“, denkt die Vogelscheuche und seufzt.

Sie schließt die Augen – und schon spürt sie das Gewicht des Vogels nicht mehr.

Aber sie spürt die angenehme Wärme der letzten Sonnenstrahlen … Wie wohlig sich die Wärme anfühlt …

Die Vogelscheuche hört ein endloses Lied aus dem Himmel … „Das muss eine Lerche sein!“, denkt sie. „Niemand sonst in den Feldern singt so süß! – Außer vielleicht die kleine Annegret neulich auf dem Traktoranhänger, ach, das war schön!“

Die Vogelscheuche riecht den Duft der Felder … Sie riecht den Duft von wilder Kamille … Sie riecht so viele Düfte, für die sie gar keine Namen hat …

„Was für einen Namen ich selbst wohl habe?“, fragt sich die Vogelscheuche. Aber Namen können nur Menschen vergeben. Sie denkt nach. „Am liebsten heiße ich ‚Vogel­scheuche‘. Ob mich wohl irgendwann ein Menschlein so nennt? Dann wäre ich glücklich.“

Die Vogelscheuche spürt das Glück tief in sich …

Sie spürt das Glück mit dem Korn … mit der wilden Kamille … mit der Lerche, die am Himmel immer noch jubelt … Sie spürt das Glück mit dem letzten Schimmer der Sonne …

Von der Siedlung tönt das langsame Schlagen einer Glocke … Was für eine Zeit sie angibt, das weiß die Vogelscheuche nicht. Aber sie weiß: Die Töne sind schön … Und sie weiß, dass es Abendglocken sind … Sie spürt die Ruhe des Abends … Sie spürt die Ruhe in sich …

Der Mond ist aufgegangen und steigt nun langsam über den Feldern … Hier und da erscheinen die ersten Sterne …

Das Spätzchen ist lange vom Hut der Vogelscheuche verschwunden. Nun hockt es mit den anderen in seiner Schlafhecke zwischen den Feldern und ruht …

Über den Feldern steigt weiter der Mond. Sein silbernes Licht verzaubert das Land … Nach und nach erscheinen die Sterne …

Am Wegrand gleich bei der Vogelscheuche liegt eine Traummurmel … In der Traummurmel schimmert der Mond … In der Traummurmel schimmern die Sterne …

Du schließt die Augen und spürst dein weiches Bett unter dir … Wie gut es sich liegt! … Wie wohl du dich in ihm fühlen kannst! …

 

Da liegst du – ganz ruhig. Vielleicht kannst du die Ruhe in dir spüren. Die Ruhe ist überall in dir … Vielleicht kannst du spüren, wie schwer du bist. Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer … Vielleicht kannst du spüren, wie warm du bist. Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein … Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm … Die Ruhe trägt dich in die Nacht, hinein in den Schlaf, in freundliche Träume …

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Die Traumreise stammt aus dem Buch: Volker Friebel (2020): Gute Nacht – mit Entspannung und Traumreisen. Edition Blaue Felder, Tübingen. (Erhältlich im Buchhandel und bei den Versanden.)

Eine Liste von anderen erhältlichen Büchern und Audios von Volker Friebel zum Thema findet sich hier.


Ein Präsenz-Kurs, in dem wir Menschen, die mit Kindern arbeiten oder arbeiten möchten  Entspannungspädagogik vermitteln: Entspannungspädagogik für Kinder.

Ein Online-Kurs für Eltern mit einer Traumstunde für Kinder, die auf Fantasiereisen aufbaut: Entspannung für Kinder.

 


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