Geschichte von den zwölf Küken

Nach einem Sprichwort aus Vietnam

Es war einmal ein Garten am Dorfrand. Im Garten stand ein Hühnerhaus, in dem lebten viele Hühner. Weil die immerzu Hunger hatten, war das Gras im Garten bald ganz ausgerissen und verspeist, denn Gras mochten sie sehr. Nur noch Brennnesseln standen. Die fraß kein Huhn.

Jeden Tag kam die Bäuerin und streute Getreidekörner aus. Wo immer die Hühner gerade waren, schnell liefen sie herbei, aus dem Schatten der Bäume, vom Drahtzaun, heraus aus dem Hühnerhaus. Sie gackerten aufgeregt und pickten die Körner auf. Jedes Huhn versuchte, soviel wie möglich zu bekommen. Das war ein Gedränge!

In dem Garten lebte auch eine Henne, die hatte zwölf Küken. Sie waren die Jüngsten im Hühnergarten. Auch sie rannten eilig daher, wenn Körner ausgestreut wurden. Aber sie hatten so kleine Beine, meist kamen sie erst an, wenn fast alles schon aufgepickt war. Und die großen Hühner drängten die Küken einfach beiseite, sie bekamen nur wenig ab.

Manchmal streute nicht die Bäuerin aus, sondern ihre Enkelin, ein kleines Mädchen mit braunen Zöpfen. Die warf dann gerne gerade den Küken etwas hin. Aber die hätten am liebsten immer noch mehr gehabt.

Gegen die großen Hühner kamen die Küken nicht an, und so versuchten sie es erst gar nicht, sondern stritten sich untereinander. „Ihr pickt uns immer das Beste weg“, piepten die jüngsten sechs empört. „Ihr drängelt euch immer vor, auch wenn wir vorher da waren“, piepten die älteren sechs dagegen. Bald hatten sie sich völlig verzankt und wollten sich schlagen, in einem richtigen Krieg.

Weil sie aber doch alle Küken einer Henne waren, konnten sie das einfach nicht tun. Sie kannten sich doch und hatten sich eigentlich gern. Um gegeneinander kämpfen zu können, malten sie sich gegenseitig Farben ins Gesicht. Finstere Linien, Zacken und Bögen malten die Jüngsten den Älteren um Augen und Schnabel. Schließlich sahen sie aus wie schreckliche Ungeheuer. Und die Älteren malten die Jüngsten an. Den Flaum ihres Gesichts tauchten sie in schwarzblaue Tinte, grelle Linien zogen sie hindurch, bis auch deren Gesichter zu furchtbaren Fratzen geworden waren. Nun konnten sie gegeneinander kämpfen.

Sie lieferten sich eine heftige Schlacht. Mit ihren kleinen Schnäbeln hackten sie aufeinander ein, die winzigen Flügel schlugen sie sich um die Ohren und piepten wild dazu. Eine ganze Weile schon ging der Kampf, und keiner wollte sich geschlagen geben. Die trockene Erde des Gartens wirbelten sie auf.

Da erschien plötzlich das kleine Mädchen im Hühnergarten. Erschrocken blieb es stehen, als es die Küken streiten sah. Dann lief es davon. Mit einem Eimer Wasser kam es zurück. Es fing jedes Küken und wusch alle rein. Dann stellte das Mädchen die Küken neben den Eimer. Schließlich standen sie alle da und schüttelten das Wasser aus ihrem Flaum. Sie schauten sich an. Die Fratzen waren abgewaschen. Nun sahen sie ihre wahren Gesichter.

 


Die Geschichte stammt aus dem eBuch: Volker Friebel (2016): Das singende Kamel. Geschichten für Kinder über das, was wichtig ist. Edition Blaue Felder, Tübingen. Ein Klick auf das Titelbilf führt zur Seite des Buchs bei Amazon, mit Blick ins Buch und Bestellmöglichkeit.