Überall liegt Ruhe

Stell dir in Gedanken eine breite Treppe vor, die vor dir beginnt und immer tiefer führt, durch eine schöne Landschaft … Geh langsam die Treppe hinab, Stufe um Stufe … Mit jeder Stufe kann die Ruhe in dir größer werden, Stufe um Stufe … Dein Atem geht, Stufe um Stufe hinab … Du spürst vielleicht, wie dein Atem schon ruhiger und ruhiger wird … Du spürst vielleicht schon die Ruhe in dir … Die Stufen enden im Rosengarten des Wolkenschlosses …

 

Kunigunde gießt gerade die Rosen. Als du zu ihr trittst, stellt sie die Gießkanne ab und lächelt dich an. „Komm!“, sagt sie. Ihr steigt auf einen der Türme …

Die Aussicht vom Turm geht in weite Ferne … Am Horizont versinkt gerade die Sonne …

Ihr betrachtet sie eine Weile. Du spürst die Langsamkeit der Bewegung … Du spürst die ungeheure Stärke der Sonne in ihrer Langsamkeit …

„Siehst du den Horizont und am Horizont die Sonne?“, fragt Kunigunde.

„Ja“, sagst du. Und du spürst die Langsamkeit und Stärke der Sonne in Kunigundes Stimme. Und du spürst sie auch in deiner.

„Die Sonne geht zur Ruhe. Der ganze Horizont geht zur Ruhe“, sagt Kunigunde. „So spürst auch du ihre Ruhe in dir.“

Und du spürst die Ruhe der Sonne und des ganzen Horizontes in dir …

„Siehst du den Fluss dort unten auf der Erde, wie er zwischen Wiesen und Wäldern und Feldern strömt?“, fragt Kunigunde.

„Ja“, sagst du und siehst den großen Fluss nun ganz nahe. Du siehst seine weiten Biegungen. Du siehst das ruhig strömende Wasser und die Kraft, die in ihm ist …

„Der Fluss geht zur Ruhe. Seine Ufer mit ihren Wiesen und Feldern und Wäldern gehen zur Ruhe“, sagt Kunigunde. „So spürst auch du ihre Ruhe in dir.“

Und du spürst die Ruhe des Flusses und seiner Wiesen und Felder und Wälder in dir …

„Siehst du den Berg dort unten am großen Fluss?“, fragt Kunigunde.

„Ja“, sagst du und siehst den Berg am Fluss ganz nahe. Du siehst, wie er vom Fluss aus ansteigt, mit weiten Hängen von Weinreben, du siehst, wie dann höher der Wald beginnt und der Fels …

„Der ganze Berg geht zur Ruhe“, sagt Kunigunde. „So spürst auch du seine Ruhe in dir.“

Und du spürst die Ruhe des Berges am Fluss in dir, die Ruhe der Weinhänge, die Ruhe des Waldes und der Felsen …

„Siehst du das Haus dort unten auf der Erde am großen Fluss?“, fragt Kunigunde.

„Ja“, sagst du und siehst das Haus am Fluss ganz nahe. Du siehst, wie die Lichter verlöschen und es geborgen im freundlichen Mondlicht liegt. Du siehst, dass sich vor dem Haus auch die Katze hingelegt hat, in das silberne Mondlicht. Du siehst, wie sie ihre Augen schließt und unter dem Mondlicht zu träumen beginnt …

„Das Haus geht zur Ruhe. Seine Lichter verlöschen. Seine Menschen und Tiere haben sich hingelegt in die Ruhe, bereit für den Schlaf“, sagt Kunigunde. „So spürst auch du ihre Ruhe in dir.“

Und du spürst die Ruhe des Hauses am Fluss in dir, die Ruhe der ruhenden Menschen und Tiere …

„Siehst du den alten Baum am Fluss und die Eule in seinem Geäst?“, fragt Kunigunde.

„Ja“, sagst du und siehst den alten Baum am Fluss ganz nahe. Und du siehst eine Eule, die auf einem Ast sitzt und dich mit ihren großen Augen ruhig anschaut. Du siehst, wie sie erst das eine Auge schließt und noch ruhiger wird … Du siehst, wie sie auch das andere Auge schließt und noch ruhiger wird … Du spürst ihre große Ruhe auch in dir …

„Der Baum kommt zur Ruhe, die Eule kommt zur Ruhe“, sagt Kunigunde. „So spürst auch du ihre Ruhe, ihre Ruhe in dir.“

Und du spürst die Ruhe des Baums und die Ruhe der Eule … Die spürst die Ruhe des großen Flusses und die Ruhe der ganzen Welt … Wo es noch Unruhe gibt, wird sie schon ruhiger, bald wird sie ganz ruhig sein … Wo die Ruhe schon ist, wird die Ruhe immer noch größer …

Da siehst du vor dir eine Traummurmel liegen. Du nimmt sie auf.

Als du die Augen schließt, bist du zu Hause.

Dein weiches Bett … Wie gut es sich liegt! … Wie wohl du dich in ihm fühlen kannst! …

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir … Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer … Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein … Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm … Die Ruhe trägt dich in die Nacht, hinein in den Schlaf, in freundliche Träume …

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Diese Gutenachtgeschichte stammt aus dem Buch Gutenachtgeschichten vom Wolkenschloss. 

Im Buch stehen noch viele weitere Gutenachtgeschichten. Und einige Verse zur guten Nacht. Und Illustrationen. Das Buch ist über den Buchhandel und die Buchversande erhältlich. Ein Klick auf das Titelbild führt zur Buchseite bei Amazon.

Volker Friebel (2019): Gutenachtgeschichten vom Wolkenschloss. Entspannungsgeschichten für Kinder. Edition Blaue Felder, Tübingen. Mit Illustrationen.

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